Kirche gegen Hass und alte Feindbilder: Wie kann das gelingen?

Wie hängen christliche Mission, Kolonialismus und antimuslimische Feindbilder zusammen? Welche Feindbilder finden sich schon in Missionsarchiven und wirken bis heute nach? Was bedeutet Mission, wenn sie nicht mehr darauf zielt, andere zum eigenen Glauben zu bringen? Und wie kann Kirche gegen Hass argumentieren, wenn Argumente nicht mehr greifen? Darüber spricht Host Tanja Stünckel mit Sönke Lorberg-Fehring, Beauftragter der Nordkirche für den Christlich-Islamischen Dialog.

Sönke Lorberg-Fehring bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Wie hängen christliche Mission, Kolonialismus und antimuslimische Feindbilder zusammen, und wo wirken alte Bilder vom Islam heute weiter? Diesen Fragen geht diese Podcast-Folge nach. Sönke Lorberg-Fehring, Islambeauftragter der Nordkirche, spricht mit Tanja Stünckel über Missionsdokumente aus den Jahren 1910 und 1911, in denen der Islam mit Bildern beschrieben wird, die bis heute wirken. Außerdem geht es um den imperialen Bumerang nach Aimé Césaire, um komparative Theologie und um die Frage, wie Kirche gegen Hass und rechtsextreme Vereinnahmung von Religion argumentieren kann. Die Folge zeigt, warum die eigene Missionsgeschichte für den heutigen Umgang mit Islambildern Bedeutung hat.

Warum ist das wichtig?

Die Missionsgeschichte der Kirchen ist kaum aufgearbeitet, und ihre Bilder vom Islam tauchen heute in rechtsextremen Debatten in ähnlicher Form wieder auf. Gleichzeitig haben viele Menschen den christlichen Glauben als Befreiung erfahren. Im Gespräch mit Sönke Lorberg-Fehring wird deutlich, diese Spannung verlangt einen differenzierten Umgang. Denn wer gegen aktuellen Hass und Feindbilder Position beziehen will, braucht auch eine differenzierte Betrachtung der Geschichte.

Wer ist Sönke Lorberg-Fehring?

Sönke Lorberg Fehring. © Foto: privat | Sönke Lorberg Fehring.

Sönke Lorberg-Fehring ist promovierter Theologe, Pastor und Beauftragter der Nordkirche für den Christlich-Islamischen Dialog. Er ist im Ökumenewerk der Nordkirche tätig. Zuvor war er Studienleiter an der Missionsakademie der Universität Hamburg, heute Akademie für Internationale Ökumene.

Zusammen mit der Magdeburger Regionalbischöfin Bettina Schlauraff hat er das Buch „Kirche gegen den Hass“ herausgegeben. 2023 erschien seine Untersuchung zur Missionsgeschichte der Breklumer Mission in der epd-Dokumentation „Unselige Kontinuitäten?!“.

Im Podcast spricht Sönke Lorberg-Fehring über:

  • Missionsbilder um 1910 und ihre Spuren in der Islamdebatte,
  • den imperialen Bumerang: koloniale Denkmuster heute,
  • den belasteten Begriff Mission: Überzeugung, Abwehr und Vielfalt,
  • Komparative Theologie: Begegnung statt Urteil,
  • rechtsextremen Hass: Grenzen der Argumente, Kraft der Gemeinschaft.



5 Fragen zu Mission, Islambildern und Kirche gegen Hass

1. Welche Islambilder stammen aus der Missionsgeschichte?

Missionsdokumente um 1910 beschreiben den Islam als nicht reformierbar, sexualisiert, irrational und auf Weltherrschaft ausgerichtet. Besonders deutlich wird das in den Tagungsunterlagen der Breklumer Mission zur Aufnahme eines Missionsfelds in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) von 1910 und 1911. Die Mission sollte dort nicht nur Menschen zum Christentum führen, sondern auch den Islam zurückdrängen. Diese Bilder prägten zugleich die Zeit der Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910.

Also ganz viele Argumentationsmuster, die ich in der heutigen Diskussion wiederfinde, gab es auch damals schon.

Viele dieser Muster tauchen heute in der Islamdebatte wieder auf. Ein Grund dafür: Sie wurden kaum kritisch aufgearbeitet. Hinzu kommt ein Unterschied zu anderen Kolonialmächten: Während sie zumindest teilweise mit örtlichen muslimischen Strukturen zusammenarbeiteten, geschah das in den deutschen Kolonien kaum. Die Vorstellung, alles Lokale sei minderwertig, prägte stattdessen auch das Verhältnis zum Islam.

2. Was bedeutet der „imperiale Bumerang“?

Der imperiale Bumerang bezeichnet, dass sich ein koloniales Herrschaftsverständnis heute gegen die Gesellschaften richtet, die es hervorgebracht haben. Aimé Césaire aus Martinique formulierte das Konzept 1950 in seiner Schrift „Über den Kolonialismus“. Damals war die Überzeugung verbreitet, nur durch den eigenen Glauben könnten andere Menschen selig werden. Dieses Denken wirkt bis heute nach:

Wir sind immer noch damit konfrontiert, dass wir durch die Welt gehen und denken: Eigentlich wissen wir grundsätzlich alles besser. Und diese Form der Überheblichkeit macht es uns heute schwierig, ein neues Verhältnis zum Beispiel zur Migration nach Deutschland zu entwickeln.

3. Warum ist der Begriff Mission für die Kirche so belastet?

Der Begriff ist vor allem durch die endzeitliche Überzeugungsmission belastet, die oft im kolonialen Kontext betrieben wurde. Nach dieser Vorstellung müssen Menschen auf eine ganz bestimmte Art glauben, um das Heil zu erlangen. Der Begriff löst u. a. deshalb bis heute häufig Abwehr aus.

Wenn wir als Kirche davon sprechen, dann habe ich das Gefühl, gehen alle roten Lichter an und alle haben das Gefühl, da kommt jemand, der mir etwas überstülpt.

Die Geschichte des Begriffs ist allerdings vielfältiger. Das Neue Testament kennt mehrere Missionsverständnisse: eine politische, eine sozial-diakonische, eine Liebesmission und eine unterstützende Mission. Die endzeitliche Überzeugungsmission ist nur eines davon.

4. Was ist komparative Theologie?

Komparative Theologie ist ein Ansatz, der Religionen nicht nach besser oder schlechter bewertet, sondern über konkrete Begegnung. Die klassische Dreiteilung der Theologie der Religionen fragt, wie sich der eigene Wahrheits- und Heilsanspruch zu anderen Religionen verhält. Exklusiv gilt nur eine Religion als wahr, inklusiv sind andere Religionen zwar berechtigt, aber der eigenen untergeordnet, pluralistisch sind alle gleich gültig. Die komparative Theologie setzt genau dort an. Wenn zwei Religionen gleichen Gewichts von innen heraus nicht entscheiden können, welche besser ist, bleibt nur die Begegnung: Menschen treffen sich, lernen voneinander und entdecken dabei ihre eigene Tradition neu.

Was können wir gemeinsam machen? Also was dient dem Frieden und was vertieft mich im Eigenen?

Der katholische Dogmatiker Klaus von Stosch hat den Ansatz nach Deutschland gebracht, nachdem er in den USA vorgedacht worden war. Die Begegnung hat nach diesem Verständnis zwei Wirkungen: Sie ist ein wichtiger Dialogmodus, und sie löst eine Suchbewegung aus, die den eigenen Glauben vertieft.

5. Wie kann Kirche rechtsextremem Hass entgegentreten?

Kirche kann rechtsextremem Hass vor allem als „Anders-Ort“ begegnen, an dem Gemeinschaft konkret erfahrbar wird: in Kirchengemeinden, in der Diakonie sowie in Diensten und Werken. Argumente allein reichen dafür nicht, weil rechtsextreme Narrative auf Emotionen statt auf Belegen beruhen. Daher lassen sich rechtsextreme Narrative kaum mit besseren Argumenten widerlegen. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist jedoch die eigene Geschichte.

Wenn wir unsere eigene Geschichte nicht immer wieder aufarbeiten, dann liefern wir sie Menschen aus, die sie verfälschen.

Gespräche, die auf Versöhnung zielen, setzen voraus, dass beide Seiten sich versöhnen lassen wollen. Fehlt diese Bereitschaft, stoßen sie an Grenzen. Gerade dort wird die christliche Gemeinschaft zum Gegenentwurf: Schwache trösten, Menschen aufnehmen, ohne paternalistisch zu handeln, denn wir alle sind Glieder des einen Leibes.

Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Sönke Lorberg-Fehring im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Dr. Sönke Lorberg-Fehring
Länge: 40 Minuten
Veröffentlichung: 30. Oktober 2026
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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