Macht, Migration, Miteinander: Wie kann interkulturelle Kirche gelingen?

Viele Gemeinden wünschen sich mehr Vielfalt, echte Begegnung und lebendige Gemeinschaft. Doch warum bleiben internationale Gemeinden oft „Mieterinnen“ statt Mitgestaltende? Woran scheitert interkulturelle Öffnung in der Praxis – und was hat das mit Macht, Haltung und Visionen zu tun? Host Tanja Stünckel spricht mit Mike Lee, Dezernent für Internationale Gemeinden und interkulturelle Öffnung der Evangelischen Kirche im Rheinland, über kulturelle Vielfalt in der Kirche, asymmetrische Machtverhältnisse und die Frage, wie gemeinsames Kirche-Sein gelingen kann.

Mike Lee bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Was bedeutet interkulturelle Öffnung und wie kann sie in evangelischen Kirchengemeinden gelingen? Mike Lee spricht mit Tanja Stünckel über die Zusammenarbeit zwischen landeskirchlichen und internationalen Gemeinden, über Herausforderungen interkultureller Kirchenentwicklung sowie über Voraussetzungen für gemeinsames Kirche-Sein in kultureller Vielfalt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Begegnung, gegenseitiges Lernen und gemeinsame Verantwortung gestärkt werden können.

Warum ist das wichtig?

Kirche ist weltweit vielfältig. Gleichzeitig leben landeskirchliche und internationale Gemeinden vielerorts noch nebeneinander statt miteinander. Interkulturelle Öffnung kann dazu beitragen, gegenseitiges Verständnis zu fördern, unterschiedliche Glaubenstraditionen sichtbar zu machen und Kirche als gemeinsame Verantwortung aller Christ*innen zu gestalten. Sie berührt damit grundlegende Fragen von Teilhabe, Zusammenarbeit und kirchlichem Selbstverständnis.

Wer ist Mike Lee?

Mike Lee ist Dezernent für int. Gemeinden und Interkulturelle Öffnung © Foto: privat | Mike Lee ist Dezernent für int. Gemeinden und Interkulturelle Öffnung

Mike Lee ist Dezernent für Internationale Gemeinden und interkulturelle Öffnung bei der Evangelischen Kirche im Rheinland. Der Theologe wuchs als Sohn koreanischer Gastarbeiter*innen in Deutschland auf und studierte Theologie in den USA, Kanada und Deutschland. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen interkulturelle Kirchenöffnung, internationale Gemeinden und ökumenische Zusammenarbeit. Eigene Erfahrungen in unterschiedlichen kulturellen und kirchlichen Kontexten prägen seine Perspektive auf gemeinsames Kirche-Sein.

Im Podcast spricht er über:

  • was interkulturelle Öffnung für Kirchengemeinden bedeutet,
  • Chancen und Herausforderungen der Zusammenarbeit zwischen landeskirchlichen und internationalen Gemeinden,
  • Machtverhältnisse und gegenseitige Vorbehalte,
  • theologische Grundlagen einer vielfältigen Kirche,
  • konkrete Schritte zu einer gelingenden interkulturellen Kirchenentwicklung.



5 Fragen zu interkultureller Öffnung in der Kirche

1. Was bedeutet interkulturelle Öffnung in der Kirche?

Interkulturelle Öffnung bezeichnet einen Organisations- und Entwicklungsprozess, der kulturelle Vielfalt bewusst in kirchliche Strukturen, Zusammenarbeit und Entscheidungsprozesse einbezieht. Das Konzept stammt ursprünglich aus der Organisationsentwicklung und wurde im kirchlichen Bereich zunächst insbesondere von der Diakonie aufgegriffen. Seit den 2000er-Jahren beschäftigen sich zunehmend auch evangelische Landeskirchen damit. Je nach Landeskirche werden dafür unterschiedliche Begriffe wie interkulturelle Öffnung oder interkulturelle Kirchenentwicklung verwendet.

Man überlegt, wie man gemeinsam Kirche sein kann.

Für Kirchengemeinden bedeutet interkulturelle Öffnung mehr als gelegentliche Begegnungen oder gemeinsame Veranstaltungen. Internationale und landeskirchliche Gemeinden sollen einander kennenlernen, Verantwortung teilen und gemeinsame Formen des Kirche-Seins entwickeln. Damit sind auch strukturelle und personelle Veränderungen verbunden, die Beteiligung und gemeinsames Lernen ermöglichen.

2. Warum fällt interkulturelle Öffnung vielen Gemeinden schwer?

Häufig entstehen Kontakte zwischen landeskirchlichen und internationalen Gemeinden zunächst über die gemeinsame Nutzung von Kirchengebäuden. Aus einem solchen Vermieter*in-Mieter*in-Verhältnis entwickelt sich jedoch nicht automatisch eine gleichberechtigte Zusammenarbeit. Unterschiedliche Erwartungen, gegenseitige Vorbehalte und verschiedene theologische Prägungen können das Miteinander zusätzlich erschweren.

Der Vermieter hat natürlich den Schlüssel in der Hand, auch im wörtlichen Sinne.

Hinzu kommen asymmetrische Machtverhältnisse. Wenn eine Gemeinde über Räume und deren Nutzung entscheiden kann, während die andere von diesen Entscheidungen abhängig ist, sind die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ungleich. Interkulturelle Öffnung verlangt deshalb auch die Bereitschaft, bestehende Machtverhältnisse wahrzunehmen und die eigene Position zu hinterfragen.

3. Was können landeskirchliche und internationale Gemeinden voneinander lernen?

Internationale Gemeinden bringen Erfahrungen und Formen kirchlichen Lebens mit, die auch für landeskirchliche Gemeinden neue Perspektiven eröffnen können. Dazu gehören etwa die Resilienz von Gemeinden, die teilweise über Jahrzehnte mit wenigen finanziellen und personellen Ressourcen bestehen, ein ausgeprägtes Gottvertrauen sowie unterschiedliche Formen von Gottesdienst und Gemeinschaft.

Dieses authentische Christentum ist etwas, was uns viele Geschwister aus den internationalen Gemeinden vermitteln können.

Interkulturelle Öffnung bedeutet dabei keine einseitige Anpassung. Sie setzt auf beiden Seiten die Bereitschaft voraus, unterschiedliche kirchliche und theologische Traditionen wahrzunehmen, die eigene Perspektive zu hinterfragen und voneinander zu lernen.

4. Wie verhalten sich interkulturelle Öffnung und Rassismuskritik zueinander?

Interkulturelle Öffnung und Rassismuskritik berühren beide Fragen von Macht, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Vielfalt, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Interkulturelle Öffnung nimmt kulturelle und konfessionelle Unterschiede bewusst wahr und fragt danach, wie Menschen und Gemeinden mit unterschiedlichen Prägungen gemeinsam Kirche gestalten können.

Ich denke, das müsste man in ein konstruktives Verhältnis zueinander setzen.

Rassismuskritik richtet den Blick insbesondere auf rassistische Zuschreibungen, Ausgrenzung und Machtverhältnisse. Sie kann damit eine wichtige Komponente interkultureller Öffnung sein, ist aber nicht mit ihr gleichzusetzen. Beide Perspektiven lassen sich aufeinander beziehen, ohne ihre jeweiligen Fragestellungen einzuebnen.

5. Wie kann interkulturelle Öffnung gelingen?

Ein gelingender Prozess beginnt mit einer gemeinsamen Vision. Darauf aufbauend können Begegnungen, gemeinsame Gottesdienste, Chöre oder gemeinsame Mahlzeiten Vertrauen wachsen lassen. Entscheidend ist eine Willkommenskultur, die Menschen aktiv einlädt und Beteiligung ermöglicht.

Es gibt Dinge, die erfordern nicht viel Geld oder Zeit, sondern das Herz für die Interkulturalität.

Interkulturelle Öffnung muss nicht mit großen Projekten beginnen – oft sind es kleine, kontinuierliche Schritte, die langfristig Veränderungen ermöglichen. Dazu gehört aber auch die Bereitschaft, Verantwortung zu teilen und bestehende Machtverhältnisse zu verändern.

Die Antworten dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Mike Lee im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Dr. Mike K. Lee
Länge: 30 Minuten
Veröffentlichung: 22.05.2026
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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