Wohin mit den alten Zöpfen? Die Mission: Aufarbeitung

Wohin mit den alten Zöpfen? Das Berliner Missionswerk musste sich das zu seinem 200-jährigen Bestehen fragen. Und nicht nur das. Wie geht man mit 200 Jahren Missionsgeschichte um? Wie geht man mit kritischen Exponaten in der eigenen Ausstellung um? Und was haben Mission und Kolonisation miteinander zu tun? Darüber spricht Martin Frank, Afrikareferent des Berliner Missionswerk, mit Host Tanja Stünckel.

Wie man 200 Jahre Missionsgeschichte aufarbeitet – Martin Frank im EMW-Podcast

Worum geht es?

Wie lässt sich die eigene Missionsgeschichte kritisch aufarbeiten? Zum 200-jährigen Bestehen hat das Berliner Missionswerk seine historische Ausstellung grundlegend neu konzipiert. In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Martin Frank über koloniale Denkmuster in der Mission, den Umgang mit problematischen Sammlungsobjekten und die Frage, wie sich das Verhältnis von Mission und Kolonialismus differenziert betrachten lässt.

Warum ist das wichtig?

Die Geschichte christlicher Mission ist eng mit europäischen Vorstellungen von Kultur, Religion und gesellschaftlicher Ordnung verbunden. Während der Kolonialzeit wirkten Missionar*innen in politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die von Ungleichheit und kolonialer Gewalt geprägt waren. Die kritische Aufarbeitung dieser Geschichte betrifft deshalb nicht nur die Vergangenheit. Sie stellt auch die Frage, aus welcher Perspektive Geschichte erzählt wird und wie gleichberechtigte weltweite kirchliche Beziehungen heute gestaltet werden können.

Wer ist Martin Frank?

Martin Frank ist Pfarrer, promovierter Theologe und Afrikareferent im Berliner Missionswerk. © Foto: privat | Martin Frank ist Pfarrer, promovierter Theologe und Afrikareferent im Berliner Missionswerk.

Martin Frank ist Pfarrer und promovierter Theologe und seit 2017 Afrikareferent des Berliner Missionswerks. In seiner Arbeit begleitet er die Beziehungen zu Partnerkirchen auf dem afrikanischen Kontinent und beschäftigt sich mit der Frage, wie internationale kirchliche Partnerschaften heute gestaltet werden können.

Gemeinsam mit seiner Kollegin Meike Wächter initiierte und begleitete er die Neukonzeption der historischen Ausstellung des Berliner Missionswerks zu dessen 200-jährigem Bestehen. Eigene Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Partnerkirchen und aus fünf Jahren in Ghana flossen dabei in die Auseinandersetzung mit Missionsgeschichte, Kolonialismus und eurozentrischen Perspektiven ein.

Im Podcast spricht Martin Frank über:

  • die kritische Aufarbeitung von 200 Jahren Missionsgeschichte
  • koloniale Vorstellungen von Mission und „Zivilisation“
  • problematische Sammlungsobjekte und Provenienzforschung
  • die Verstrickung von Mission und Kolonialismus
  • Perspektivwechsel und weltweite kirchliche Partnerschaften
  • den Wandel des Missionsverständnisses



6 Fragen zur Aufarbeitung von Missionsgeschichte

1. Wie lässt sich Missionsgeschichte heute kritisch aufarbeiten?

Historische Quellen zeigen nicht nur, was Missionar*innen getan haben, sondern auch, mit welchen Vorstellungen sie anderen Menschen und Kulturen begegneten. Eine kritische Aufarbeitung fragt deshalb danach, welche Perspektiven in Missionsberichten, Tagebüchern und Sammlungen sichtbar werden – und welche fehlen.

Welche Ideen, Erwartungen, Fragen und auch Auswirkungen brechen sich am Werdegang unserer Mission – und das im Spiegel der Geschichte.

Dazu gehört, historische Darstellungen kritisch neu zu prüfen und Perspektiven aus den Gesellschaften einzubeziehen, in denen Missionar*innen tätig waren. Aufarbeitung bedeutet dabei nicht, Geschichte nachträglich umzuschreiben, sondern ihre Widersprüche und Machtverhältnisse sichtbar zu machen.

2. Warum verstand sich Mission auch als „Zivilisationsprojekt“?

Viele europäische Missionar*innen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wollten nicht allein das Christentum verbreiten. Mit ihrer Mission verband sich auch die Vorstellung, anderen Gesellschaften europäische Kultur und „Zivilisation“ zu bringen. Technischer Fortschritt und europäische Überlegenheitsvorstellungen prägten diesen Blick.

Es ist wirklich dieser Versuch, anderen Menschen unsere Kultur zu bringen. Wir würden heute sagen: überzustülpen.

Damit wurden bestehende Kulturen, politische Ordnungen und Wissensformen häufig nicht als gleichwertig wahrgenommen. Religiöse Berufung und der Wunsch, das Evangelium weiterzugeben, konnten sich so mit einem eurozentrischen Verständnis gesellschaftlicher Entwicklung verbinden.

3. Wie kann man heute mit problematischen Objekten aus Missionssammlungen umgehen?

Bei historischen Sammlungsobjekten ist nicht immer bekannt, woher sie stammen, wem sie ursprünglich gehörten und unter welchen Umständen sie nach Europa gelangten. Provenienzforschung versucht, diese Herkunft und Besitzgeschichte zu rekonstruieren. Gerade bei Objekten aus kolonialen Kontexten ist das eine wichtige Voraussetzung für einen verantwortlichen Umgang.

Wir wollen ja transparent mit unserer Geschichte umgehen.

Auch scheinbar alltägliche Gegenstände können dabei koloniale Perspektiven sichtbar machen. Eine Trommel aus einer Missionssammlung erzählt beispielsweise nicht nur etwas über Musik: Missionar*innen konnten sie als Ausdruck einer abzulehnenden Religion verstehen und aus christlichen Gottesdiensten verbannen. Aus lokaler Perspektive konnte sie dagegen Teil von Religion, Bildung, Festen und gemeinschaftlichem Leben sein.

Die Aufarbeitung eines Objekts betrifft deshalb nicht nur seine Herkunft. Sie fragt auch danach, wer ihm welche Bedeutung zugeschrieben hat, unter welchen Umständen es gesammelt wurde und wessen Perspektive in einer Sammlung oder Ausstellung erzählt wird.

4. Wie hängen Mission und Kolonialismus zusammen?

Mission und Kolonialismus sind nicht dasselbe. Während der Kolonialzeit wirkten Missionar*innen jedoch innerhalb kolonialer Machtverhältnisse und mussten sich zu ihnen verhalten. Missionsstationen konnten mit Kolonialtruppen in Kontakt stehen; Missionar*innen profitierten teilweise von kolonialen Strukturen, unterstützten sie oder beteiligten sich an Gewalt. Andere kritisierten koloniale Übergriffe, versorgten Verletzte oder schützten Verfolgte.

Ich würde sie nicht gleichsetzen. Es ist so eine Art Verschränkung, also eine Verstrickung.

Diese widersprüchlichen Erfahrungen lassen sich weder durch eine Gleichsetzung von Mission und Kolonialismus noch durch eine vollständige Trennung erklären. Missionar*innen waren Teil ihrer historischen Verhältnisse – und damit auch verantwortlich dafür, wie sie sich innerhalb dieser Verhältnisse verhielten.

5. Was verändert ein Perspektivwechsel in der Aufarbeitung von Missionsgeschichte?

Missionsgeschichte wurde lange stark aus der Perspektive europäischer Missionar*innen und Missionsgesellschaften erzählt. Ein Perspektivwechsel nimmt auch die Erfahrungen und Deutungen der Menschen und Kirchen ernst, die mit Mission und Kolonialismus konfrontiert waren.

Unser eurozentrischer Blick ist verblüffend simpel und zu einfach, wenn man sich einmal mit Partner*innen irgendwo auf der Welt unterhält und ihre Sicht mitbekommt.

Damit verändert sich auch die Gegenwart kirchlicher Beziehungen. Partnerschaft bedeutet dann nicht einseitige Unterstützung, sondern eine Beziehung, in der Kirchen einander zuhören, einander widersprechen und voneinander lernen können. Die kritische Beschäftigung mit der Vergangenheit wird so Teil der Frage, wie Zusammenarbeit heute gestaltet wird.

6. Wie hat sich das Verständnis von Mission verändert?

Mit der Unabhängigkeit ehemals kolonisierter Staaten und Kirchen veränderten sich auch die internationalen kirchlichen Beziehungen. Mission wird heute in Deutschland vielfach nicht mehr als Bewegung von Europa in andere Teile der Welt verstanden. Gleichzeitig verwenden Kirchen in anderen Weltregionen den Missionsbegriff teilweise weiterhin selbstverständlich und mit eigenen theologischen Vorstellungen.

Mission ist für uns hier im Missionswerk Dialog, das Aufeinanderhören, der Respekt voreinander.

Für das Berliner Missionswerk verbindet sich Mission heute mit Dialog, ökumenischen Beziehungen und dem christlichen Zeugnis. Der Wandel des Begriffs zeigt zugleich, dass es kein weltweit einheitliches Missionsverständnis gibt. Unterschiedliche Kirchen müssen deshalb auch darüber miteinander im Gespräch bleiben, was Mission für sie bedeutet.

Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Martin Frank im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Dr. Martin Frank
Länge: 27 Minuten
Veröffentlichung: 26.09.2024
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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