Nigeria: Mehr als nur negative Schlagzeilen

Armut, Korruption, Betrug – in Deutschland hören und lesen wir häufig in leichten Facetten nur diese eine Geschichte über Nigeria –, dabei gibt es noch viele andere. Etwa Geschichten von Vielfalt, Widerstandskraft und Stärke. Woher nehmen nigerianische Frauen ihre Kraft, mit den Widrigkeiten ihres Alltags umzugehen? Wie gelingt interreligiöses Zusammenleben? Wie erlebt man das Land als deutsche, evangelische, landeskirchlich geprägte Pastorin? Und was hat all das mit Mission zu tun? Darüber spricht Anna Küster, Pastorin der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Nigeria mit Host Tanja Stünckel.

Anna Küster bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Was prägt unseren Blick auf Nigeria – und was bleibt dabei häufig unsichtbar? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Anna Küster über ein Land, das sich nicht auf Armut, Korruption, Gewalt oder religiöse Konflikte reduzieren lässt. Im Mittelpunkt stehen gesellschaftliche und religiöse Vielfalt, die Stärke nigerianischer Frauen, gelebte Gemeinschaft und das Zusammenleben von Christ*innen und Muslim*innen.

Warum ist das wichtig?

Einseitige Erzählungen prägen, wie Menschen andere Länder und Gesellschaften wahrnehmen. Probleme wie Armut, Gewalt, Korruption oder Geschlechterungerechtigkeit gehören zur Realität Nigerias. Werden sie jedoch zur einzigen Geschichte, geraten andere Erfahrungen und Perspektiven aus dem Blick. Ein differenziertes Bild muss deshalb Widersprüche aushalten und neben Krisen auch Vielfalt, gesellschaftliche Stärke und alltägliches Zusammenleben sichtbar machen.

Wer ist Anna Küster?

Anna Küster ist Pastorin und Seelsorgerin. © Foto: privat | Anna Küster ist Pastorin und Seelsorgerin.

Anna Küster ist evangelische Pastorin und lebt seit 2020 in Nigeria. Dort leitet sie die Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), zu der Menschen mit sehr unterschiedlichen biografischen, beruflichen und kirchlichen Hintergründen gehören. Vor ihrer Zeit in Nigeria lebte und arbeitete Küster bereits in Südafrika, wo sie unter anderem studierte und ihre Seelsorgeausbildung absolvierte. In Nigeria arbeitet sie ökumenisch mit verschiedenen Kirchen zusammen und steht im regelmäßigen Austausch mit nigerianischen Theolog*innen. 2026 kehrt sie nach Deutschland zurück.

Im Podcast spricht Anna Küster über:

  • einseitige Bilder und die Vielfalt Nigerias
  • Glaube, Hoffnung und Gemeinschaft im Alltag
  • Stärke und Einfallsreichtum nigerianischer Frauen
  • Geschlechterrollen und gesellschaftliche Teilhabe
  • interreligiöses Zusammenleben und Dialog
  • ökumenische Begegnungen und unterschiedliche Formen von Frömmigkeit



6 Fragen zu Alltag, Religion und Vielfalt in Nigeria

1. Was bedeutet die „Gefahr einer einzigen Geschichte“ für den Blick auf Nigeria?

Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie beschreibt mit der „Danger of a Single Story“ die Gefahr, Menschen oder Länder nur durch eine einzige Erzählung wahrzunehmen. Eine solche Geschichte muss nicht falsch sein. Problematisch wird sie, wenn sie andere Erfahrungen und Wirklichkeiten verdrängt.

Dass wir auf die Vielfalt gucken und nicht nur mit unseren Augen, sondern dass wir uns einlassen auf die Geschichten von Menschen.

Nigeria wird von außen häufig mit Armut, Korruption, Betrug, Gewalt oder religiösen Konflikten verbunden. Diese Probleme existieren. Sie bilden jedoch nur einen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ein differenzierter Blick bedeutet deshalb nicht, Schwierigkeiten auszublenden, sondern auch andere Erfahrungen und Geschichten wahrzunehmen, die ein einseitiges Bild von Nigeria erweitern und ihm teilweise widersprechen.

2. Wie zeigt sich die Vielfalt Nigerias im Alltag?

Nigeria ist von zahlreichen ethnischen Gruppen, Sprachen, Religionen und kulturellen Traditionen geprägt. Zugehörigkeiten werden im Alltag sichtbar – beispielsweise in Kleidung, Sprache, Religion und gemeinschaftlichen Traditionen.

Gleichzeitig gibt es gesellschaftliche Ansätze, Begegnungen zwischen unterschiedlichen Gruppen zu fördern. Im National Youth Service Corps verbringen Hochschulabsolvent*innen ein Jahr im Dienst des Landes und werden dafür häufig in einer anderen Region eingesetzt. Begegnung soll dazu beitragen, Menschen mit anderen kulturellen und ethnischen Hintergründen kennenzulernen.

Das Wichtige ist das Sich-Kennenlernen, dass Menschen andere Menschen und ihre Geschichte kennenlernen.

Vielfalt bedeutet dabei nicht, dass gesellschaftliche Konflikte verschwinden. Sie beschreibt vielmehr eine Lebenswirklichkeit, in der unterschiedliche Zugehörigkeiten nebeneinander bestehen und immer wieder miteinander ausgehandelt werden.

3. Welche Rolle spielt Glaube im nigerianischen Alltag?

Religion ist für viele Menschen in Nigeria ein selbstverständlicher Teil des Alltags. Glaube zeigt sich nicht nur im Gottesdienst, sondern auch in der Sprache und im Umgang mit alltäglichen Vorhaben und Unsicherheiten. Die häufig verwendete Formulierung „By the Grace of God“ – durch die Gnade Gottes – verbindet das eigene Handeln mit Vertrauen auf Gott.

„By the Grace of God“ – das könnte man fast wie eine Überschrift über das Leben hier setzen.

Diese Haltung steht auch im Zusammenhang mit den Unwägbarkeiten des Lebens. Glaube kann eine Möglichkeit sein, mit Unsicherheit umzugehen und sich als getragen zu erfahren. Ein solches Vertrauen auf Gottes Begleitung findet sich sowohl im christlichen als auch im muslimischen Alltag. Eng damit verbunden sind Hoffnung und die Zuversicht, dass sich schwierige Situationen verändern können.

4. Was stärkt nigerianische Frauen im Umgang mit schwierigen Lebensbedingungen?

Fehlende soziale Absicherung, die Verantwortung für Familie und Bildung sowie traditionelle Rollenvorstellungen können den Alltag von Frauen in Nigeria erschweren. Zugleich haben Frauen eine lange Geschichte wirtschaftlicher Eigenständigkeit und politischen Engagements.

Wenn ich nigerianische Frauen beschreiben sollte, finde ich eine immense Widerstandsfähigkeit und einen riesengroßen Einfallsreichtum.

Eine wichtige Rolle spielen dabei soziale Netzwerke und gegenseitige Unterstützung. Das zeigt sich etwa bei Frauen, die nach Erfahrungen von Menschenhandel beim Aufbau einer neuen Existenz unterstützt werden und ihr Wissen anschließend an andere weitergeben. Individuelle Stärke und Solidarität greifen dabei ineinander.

5. Wie gelingt interreligiöses Zusammenleben in Nigeria?

Religiöse Spannungen und Gewalt gehören zur Realität Nigerias. Gleichzeitig ist das Zusammenleben von Christ*innen und Muslim*innen vielerorts Alltag. Gemeinsame Schulen, persönliche Beziehungen und lokale Initiativen schaffen Räume für Begegnung und Austausch.

Es gibt Räume, wo Menschen sich treffen, und keine Scheu haben, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Bei Town-Hall-Meetings oder an Universitäten kommen beispielsweise Christ*innen und Muslim*innen zusammen, um über ihren Glauben und ihre religiöse Praxis zu sprechen. Solche Begegnungen lösen Konflikte nicht automatisch, können aber gegenseitiges Verständnis fördern.

6. Wie kann die Begegnung mit anderen Lebens- und Glaubenserfahrungen den eigenen Blick verändern?

Begegnung mit anderen gesellschaftlichen und kirchlichen Kontexten kann vertraute Selbstverständlichkeiten infrage stellen. Für Anna Küster gehört dazu die Erfahrung, Beziehungen mehr Raum zu geben: nach der Familie zu fragen, Lebensgeschichten kennenzulernen und zu erfahren, was andere Menschen beschäftigt, trägt zu einem anderen Miteinander bei.

Ich glaube, das nehme ich mit, und das bereichert mich hier sehr.

Auch unterschiedliche Formen von Gottesdienst und Frömmigkeit können den eigenen Blick erweitern. Die Begegnung mit Nigeria wird so nicht nur zu einer Erfahrung mit einem anderen Land, sondern auch zu einer Gelegenheit, eigene Vorstellungen von Gemeinschaft, Kirche und Glauben neu wahrzunehmen.

Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Anna Küster im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gästin: Anna Küster
Länge: 37 Minuten
Veröffentlichung: 10.08.2025
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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