Revolutionäre Ideen und gefährlicher Glaube: 500 Jahre täuferische Bewegung

Keine Kindertaufe, keine Eide – die Reformideen und Glaubensüberzeugungen der Täufer*innen waren selbst den Reformatoren Calvin, Luther und Zwingli zu radikal. Sie befürworteten für sie sogar die Todesstrafe. Aber warum eigentlich genau? Was gehört zur Identität des Glaubens der täuferischen Bewegung, was sie so gefährlich gemacht hat? Wie ist das heute 500 Jahre nach ihrer Entstehung? Wer gehört eigentlich dazu? Und was hat das alles mit uns heute und Mission zu tun? Darüber spricht Astrid von Schlachta, Historikerin und Expertin für die täuferische Bewegung, mit Host Tanja Stünckel.

Astrid von Schlachta bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Warum wurden die Täufer*innen im 16. Jahrhundert als Gefahr für Kirche und Gesellschaft verfolgt? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit der Historikerin Astrid von Schlachta über die Anfänge der täuferischen Bewegung vor 500 Jahren. Dabei geht es um Glaubenstaufe, Gewaltfreiheit und die Trennung von Kirche und weltlicher Obrigkeit – und darum, welche Bedeutung diese Ideen heute haben.

Warum ist das wichtig?

Die Täufer*innen gehören zur Geschichte der Reformation, wurden aber von katholischen wie protestantischen Obrigkeiten verfolgt. Ihre Geschichte zeigt, wie eng religiöse und politische Ordnung im 16. Jahrhundert miteinander verbunden waren und wie eine Glaubensgemeinschaft zur gesellschaftlichen Bedrohung erklärt werden konnte. Zugleich werfen täuferische Überzeugungen Fragen auf, die bis heute aktuell sind: nach Religionsfreiheit, Gewalt, gesellschaftlicher Verantwortung und dem Umgang mit Minderheiten.

Wer ist Astrid von Schlachta?

Astrid von Schlachta ist Historikerin und Expertin für die Geschichte der täuferischen Bewegung. Sie arbeitet an der Mennonitischen Forschungsstelle in Bolanden-Weierhof und an der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen/Center for Peace Church Theology der Universität Hamburg.

Zu ihren Schwerpunkten gehören die Geschichte der Täufer*innen und Mennonit*innen sowie Fragen nach religiösen Minderheiten, Toleranz und Friedenskirchen. Im Zusammenhang mit dem Gedenkjahr 2025 „500 Jahre Täuferbewegung“ beschäftigte sie sich auch damit, wie täuferische Geschichte heute erinnert und für gegenwärtige gesellschaftliche Fragen erschlossen werden kann.

Im Podcast spricht Astrid von Schlachta über:

  • die Entstehung der täuferischen Bewegung
  • Glaubenstaufe, Gewaltfreiheit und Trennung von Kirche und Staat
  • Verfolgung und Kriminalisierung der Täufer*innen
  • Mennonit*innen, hutterischen Gemeinschaften und weitere täuferische Traditionen
  • Pazifismus und gesellschaftliche Verantwortung heute
  • Erinnerung, Versöhnung und den Umgang mit Minderheiten



6 Fragen zur täuferischen Bewegung

1. Was kennzeichnete die täuferische Bewegung?

Die täuferische Bewegung entstand während der Reformation im 16. Jahrhundert. Als wichtiger Ausgangspunkt gilt die erste täuferische Glaubenstaufe 1525 in Zürich. Anders als die etablierten Kirchen lehnten die Täufer*innen die Säuglingstaufe ab: Getauft werden sollten Menschen, die ihren Glauben selbst bekennen und sich bewusst für die Taufe entscheiden konnten.

Die Leute, die wissen, worum es geht beim Glauben, den Glauben bekennen können, die vom Herzen bereit sind, die sollen getauft werden, keine Kinder.

Weitere zentrale Überzeugungen waren Gewaltfreiheit und die Verweigerung von Eiden. Zugleich wollten die Täufer*innen geistliche Gemeinde und weltliche Obrigkeit voneinander trennen. Eine einheitliche Bewegung waren sie allerdings nicht: Bereits im 16. Jahrhundert existierten unterschiedliche Gruppen und theologische Positionen.

2. Warum wurden die Täufer*innen verfolgt?

Im 16. Jahrhundert waren Religion und politische Ordnung eng miteinander verbunden. Die Ablehnung der Säuglingstaufe war deshalb nicht nur eine theologische Entscheidung. Mit der Taufe wurde ein Kind zugleich Teil der kirchlichen und weltlichen Ordnung. Wer dieses System infrage stellte, konnte auch als Gefahr für die Obrigkeit wahrgenommen werden. Hinzu kamen die Verweigerung von Eiden und die Ablehnung militärischer Gewalt. Dadurch entstanden Zweifel an der politischen Loyalität der Täufer*innen.

Es war tatsächlich, ich sage immer ganz gern, brandgefährlich, Täufer*in zu sein im 16. Jahrhundert.

Sie wurden zunehmend mit Aufruhr und Rebellion in Verbindung gebracht und als Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung kriminalisiert. Die Verfolgung ging dabei nicht nur von der Obrigkeit und der Katholischen Kirche aus, sondern selbst von anderen Reformatoren wie Martin Luther und Philipp Melanchthon. Sie unterstützten ausdrücklich die Todesstrafe für Täufer*innen.

3. Welche Kirchen gehören heute zur täuferischen Tradition?

Aus der historischen täuferischen Bewegung gingen Gemeinschaften hervor, die bis heute bestehen. Dazu gehören insbesondere Mennonit*innen und hutterische Gemeinschaften. Die Amischen entstanden im 17. Jahrhundert innerhalb der schweizerisch-täuferischen Tradition. Spätere Kirchen wie die Baptist*innen griffen zentrale täuferische Anliegen wie die Glaubenstaufe auf.

Die Täuferbewegung ist sehr, sehr vielfältig bis heute.

Auch innerhalb der täuferischen Traditionen gibt es große Unterschiede – von liberalen und ökumenisch engagierten Mennonit*innen bis zu stark traditionsorientierten Gemeinschaften. „Täuferisch“ bezeichnet deshalb keine einzelne Konfession, sondern ein breites Spektrum von Kirchen und Gemeinschaften.

4. Welche Bedeutung hat die Verfolgungsgeschichte heute?

Die Erinnerung an Verfolgung und Märtyrer*innen hat die täuferische Identität über Jahrhunderte geprägt. Historische Werke wie der „Märtyrerspiegel“ hielten Geschichten von Hinrichtungen und Verfolgung fest. Heute gibt es zugleich das Bemühen, die eigene Geschichte nicht allein als Opfergeschichte zu erzählen.

Es hilft ja nichts, sich darin zu suhlen. Aber man kann sich als Opfer auch sehr, sehr wohl fühlen.

Dazu gehört auch ein selbstkritischer Blick: Verfolgung und Absonderung förderten teilweise ein exklusives Selbstverständnis gegenüber anderen christlichen Gemeinschaften. Darin liegt eine Bedeutung der Verfolgungsgeschichte, die über die täuferische Bewegung hinausweist.

5. Was bedeutet täuferische Gewaltfreiheit heute?

Gewaltfreiheit gehört zu den prägenden Traditionen der täuferischen Bewegung. Für viele Mennonit*innen ist sie bis heute Teil ihres christlichen Selbstverständnisses. Angesichts von Krieg und Aufrüstung steht diese Position erneut in einer gesellschaftlichen Debatte, in der Pazifismus auch als naiv oder unrealistisch kritisiert wird.

Es ist diese leise Stimme, die einfach nötig ist in der Gesellschaft und die es aber schwer hat.

Die täuferische Tradition erweitert die Frage nach Gewalt zugleich über militärische Konflikte hinaus. Gewalt kann bereits in Sprache beginnen – etwa wenn Menschen diffamiert, stigmatisiert oder pauschal zu einer Bedrohung erklärt werden. Gewaltfreiheit betrifft damit auch den gesellschaftlichen Umgang miteinander.

6. Was können Kirche und Gesellschaft aus der täuferischen Geschichte lernen?

Täuferische Traditionen verbinden Glauben mit Mündigkeit, Freiwilligkeit, Gemeinschaft und persönlicher Konsequenz. Diese Ideen entstanden unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen und lassen sich nicht einfach aus dem 16. Jahrhundert in die Gegenwart übertragen. Sie können jedoch Fragen an heutiges kirchliches und gesellschaftliches Handeln stellen.

Es geht nicht darum, dass wir wissen, wer wann gelebt hat oder was wann passiert ist. […] Letztendlich geht es darum, zu entdecken, wie eine Gruppe zu Außenseiter*innen gemacht werden kann.

Besonders aktuell ist der Blick darauf, wie Minderheiten wahrgenommen und beschrieben werden. Die Geschichte der Täufer*innen zeigt, wie schnell religiöse Gruppen durch Zuschreibungen zu Außenseiter*innen und schließlich zu einer politischen Gefahr erklärt werden können. Geschichte kann dadurch helfen, Mechanismen von Ausgrenzung, Stigmatisierung und Gewalt früher zu erkennen. Zugleich fordert sie dazu heraus, genauer hinzusehen, bevor Menschen oder Gruppen auf einzelne Merkmale und Zuschreibungen reduziert werden.

Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Astrid von Schlachta im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gästin: PD Dr. Astrid von Schlachta
Länge: 35 Minuten
Veröffentlichung: 26.05.2025
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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