Die Macht der Auslegung - Kann Theologie rassistisch sein?
Was hat Rassismus mit Theologie zu tun? Wie biblische Texte missbraucht wurden und koloniale Denkmuster bis heute nachwirken – mehr im EMW-Podcast.
Mehr ...Mitten in einer Welt voller Kriege, Krisen und neuer Gewaltformen – was heißt es da heute, Frieden christlich-ethisch zu denken? Sind Waffenlieferungen ethisch vertretbar? Was ist ein „Gerechter Frieden“? Und wie lässt sich das Spannungsfeld zwischen Gewaltlosigkeit und Schutzverantwortung aushalten? Host Tanja Stünckel spricht mit Friederike Krippner, Direktorin der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitautorin der EKD-Friedensdenkschrift 2025 – über Friedensethik, politische Verantwortung und Orientierung in einer Welt in Unordnung.
Die christliche Friedensethik und die Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 2025 stehen im Mittelpunkt dieser Podcastfolge. Friederike Krippner, Mitautorin der Friedensdenkschrift 2025, ordnet ein, wie das Konzept des Gerechten Friedens Gewaltfreiheit und Schutzverantwortung zusammendenkt. Dabei geht es auch um militärische Gegengewalt, Friedenstüchtigkeit, Demokratie, Schuld und Versöhnung sowie die politische Verantwortung der Kirchen.
Christliche Friedensethik steht vor einer grundlegenden Spannung: Gewaltfreiheit, Feindesliebe und Versöhnung gehören zentral zur christlichen Botschaft. Zugleich stellt sich angesichts von Angriffskriegen die Frage, wie bedrohte Menschen und Gesellschaften geschützt werden können. Wie lässt sich an der Orientierung auf Frieden festhalten und zugleich politische Verantwortung übernehmen? Dabei geht es um weit mehr als militärische Verteidigung: Auch Demokratie, gesellschaftliche Resilienz, Abrüstung und Friedensbildung gehören zu den Voraussetzungen für Frieden.
© Foto: Karin Baumann (EAzB) | Friederike Krippner ist Mitautorin der EKD-Denkschrift.
Dr. Friederike Krippner ist seit 2020 Direktorin der Evangelischen Akademie zu Berlin. Die promovierte Germanistin verantwortet das Programm der Akademie und beschäftigt sich in ihrer Arbeit insbesondere mit den Schnittstellen von Literatur und Kultur, Kirche und Politik.
Krippner gehört den Synoden der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. Als Mitautorin der EKD-Friedensdenkschrift von 2025 hat sie an der friedensethischen Positionsbestimmung der evangelischen Kirche mitgewirkt.
Das Primat der Gewaltfreiheit bezeichnet in der christlichen Friedensethik den grundsätzlichen Vorrang gewaltfreier Mittel. Gewaltfreiheit ist damit nicht nur eine Möglichkeit unter mehreren, sondern die vorrangige Orientierung für friedensethisches Handeln. Die Bergpredigt, die Feindesliebe und die Kreuzestheologie geben diesem Prinzip besonderes Gewicht. Das Primat bedeutet jedoch nicht, dass Gewalt unter allen Umständen ausgeschlossen ist.
Was heißt eigentlich Feindesliebe? Und was heißt Nächstenliebe? Da kann eben das Schutzgebot, das in der Nächstenliebe zum Ausdruck kommt, durchaus in eine sehr starke Spannung zu diesem Primat der Gewaltfreiheit gehen.
Diese Spannung entsteht, wenn Menschen vor Gewalt geschützt werden müssen. Nächstenliebe kann dann auch als Schutzauftrag verstanden werden: Bedrohte Menschen nicht schutzlos zu lassen, kann mit dem Vorrang der Gewaltfreiheit in Konflikt geraten. Damit entsteht keine einfache Wahl zwischen Gewaltfreiheit und militärischem Handeln. Vielmehr muss unter konkreten Bedingungen abgewogen werden, welche Handlung dem Frieden und dem Schutz von Menschen dient.
Die Friedensdenkschrift hält am Primat der Gewaltfreiheit fest, schließt militärische Gegengewalt aber nicht grundsätzlich aus. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Angriff und Verteidigung. Ein Angriffskrieg ist nach diesem Verständnis weder rechtlich noch ethisch zu rechtfertigen. Gegengewalt kann dagegen als letztes Mittel – als Ultima Ratio – ethisch legitim sein.
Man kann nicht zu dem grundsätzlichen Schluss kommen, dass Waffenlieferungen ethisch immer geboten sind. Unter der Abwägung all dessen, was auf dem Spiel steht, können Waffenlieferungen ethisch legitim sein.
Auch Waffenlieferungen lassen sich deshalb nicht abstrakt als immer richtig oder immer falsch beurteilen. Entscheidend ist unter anderem, ob sie dem Schutz Angegriffener dienen und welche Folgen für einen möglichen Frieden zu erwarten sind. Gerade diese notwendige Abwägung macht friedensethische Entscheidungen schwierig.
Mit dem Begriff Friedenstüchtigkeit richtet die Friedensdenkschrift den Blick über militärische Verteidigungsfähigkeit hinaus. Sicherheit und Frieden sollen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ein Staat muss seine Bürger*innen schützen können; dazu kann unter bestimmten Bedingungen auch militärische Verteidigungsfähigkeit gehören.
Mit Militär alleine wird nirgendwo Frieden geschaffen.
Frieden entsteht nach diesem Verständnis aber nicht allein durch Militär. Friedenstüchtigkeit umfasst deshalb auch Abrüstung, Katastrophenschutz, gesellschaftliche Resilienz und Friedensbildung. Hinzu kommt die Stärkung demokratischer Strukturen. Der Begriff beschreibt damit die Fähigkeit einer Gesellschaft, Sicherheit zu gewährleisten und zugleich dauerhaft Bedingungen für Frieden zu schaffen.
Gerechter Frieden umfasst mehrere Dimensionen: Menschen sollen vor Gewalt geschützt werden und Freiheit erfahren, Ungleichheiten sollen abgebaut und gesellschaftliche Pluralität ermöglicht werden. Gerade deshalb kommt demokratischen Gesellschaften eine besondere Bedeutung zu.
Von einem gerechten Frieden her ist die Demokratie in all ihren Schwächen, die sie hat, ein Ideal.
Auch autoritäre Staaten können Sicherheit gewährleisten oder wirtschaftliche Ungleichheiten reduzieren. Freiheit und Pluralität sind dort jedoch stärker eingeschränkt. Aus der Perspektive des gerechten Friedens wird der Schutz demokratischer Strukturen damit selbst zu einer friedenspolitischen Aufgabe.
Hybride Kriegsführung verbindet unterschiedliche Mittel wie militärische Aktionen, Cyberangriffe, Sabotage, wirtschaftlichen Druck oder Desinformation. Häufig bleibt dabei unklar, wer für einen Angriff verantwortlich ist. Die klassische Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden wird dadurch schwieriger.
Desinformation ist noch kein Krieg.
Für die Friedensethik bedeutet das, neue Formen von Bedrohung wahrzunehmen, ohne jede feindselige Handlung bereits zum Krieg zu erklären. Zugleich wird gesellschaftliche Resilienz gegenüber Desinformation und Cyberangriffen zu einem konkreten Beitrag zum Frieden. Auch Bildungsarbeit kann dazu beitragen, Gesellschaften widerstandsfähiger gegen Manipulation und Destabilisierung zu machen.
Eine Handlung kann rechtlich und ethisch legitim sein und trotzdem eine theologische Dimension von Schuld behalten. Die Friedensethik unterscheidet deshalb juristische, ethische und theologisch-geistliche Formen von Schuld. Gerade für Soldat*innen kann diese Unterscheidung wichtig sein: Auch wer in einer konkreten Situation verantwortlich und legitim gehandelt hat, kann Schuld empfinden.
Ich kann mich auch schuldig machen, indem ich nichts tue.
Umgekehrt ist auch Gewaltfreiheit nicht automatisch frei von Schuld. Wer aus pazifistischer Überzeugung nicht eingreift, muss sich ebenfalls mit möglichen Folgen des Nichthandelns auseinandersetzen. Friedensethik kann die Verantwortung deshalb nicht durch eine einfache Handlungsregel auflösen. Versöhnung wiederum ist ein Prozess. Nicht alle Dimensionen von Gerechtigkeit lassen sich nach einem Konflikt gleichzeitig verwirklichen. Versöhnungsarbeit muss deshalb mit Spannungen umgehen und langfristig auf gerechte Beziehungen hinarbeiten.
Die Antworten dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Friederike Krippner im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gästin: Dr. Friederike Krippner
Länge: 39 Minuten
Veröffentlichung: 19.02.2026
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit
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