Die Macht der Auslegung - Kann Theologie rassistisch sein?
Was hat Rassismus mit Theologie zu tun? Wie biblische Texte missbraucht wurden und koloniale Denkmuster bis heute nachwirken – mehr im EMW-Podcast.
Mehr ...Am 1. Oktober 1960 wurde in Lagos zum ersten Mal die Nationalflagge Nigerias gehisst – Symbol für Freiheit, Einheit und Hoffnung. Doch 65 Jahre später ist Nigeria ein Land voller Spannungen: zwischen Arm und Reich, Christ*innen und Muslim*innen, über 250 Ethnien und vielfältigen kulturellen Traditionen. Wie entsteht in einem solchen Vielklang eine nationale Identität? Welche Rolle spielen Religion und Geschichte in diesem Ringen um Zugehörigkeit und Selbstverständnis? Und was hat Mission damit zu tun? Darüber spricht Host Tanja Stünckel mit Dogara Manomi, Theologisch-Pädagogischer Mitarbeiter im Evangelischen Bildungszentrum Bad Bederkesa, der sich in seiner Forschung intensiv mit Fragen nigerianischer Identität beschäftigt hat.
Was verbindet Menschen in einem Land mit mehr als 250 ethnischen Gruppen, über 500 Sprachen und unterschiedlichen religiösen Zugehörigkeiten? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Dogara Manomi über Identität und nationale Zugehörigkeit in Nigeria. Dabei geht es um das Verhältnis von religiöser, ethnischer und nationaler Identität sowie um die Spuren, die Kolonialismus und Mission bis heute hinterlassen haben.
Nigeria ist von großer kultureller, sprachlicher und religiöser Vielfalt geprägt. Religion, ethnische Herkunft, Sprache, Region und die Zugehörigkeit zu Nigeria können die Identität eines Menschen gleichzeitig prägen. Entscheidend ist deshalb, wie diese unterschiedlichen Identitäten miteinander verbunden werden können. Eine gemeinsame nationale Identität muss Unterschiede nicht ersetzen, kann aber einen Rahmen schaffen, in dem sie als Teil einer gemeinsamen Gesellschaft verstanden werden. Wo ein solcher Rahmen schwach ausgeprägt ist, können Konkurrenz und Konflikte zwischen Gruppen an Bedeutung gewinnen, weil eine gemeinsame Dachidentität fehlt, die unterschiedliche Zugehörigkeiten miteinander verbindet.
© Foto: privat | Dogara Manomi ist Pastor und promovierter Theologe.
Dogara Ishara Manomi ist promovierter Theologe und Theologisch-Pädagogischer Mitarbeiter im Evangelischen Bildungszentrum Bad Bederkesa. Er stammt aus Nigeria und hat sich in seiner Postdoc-Forschung mit Identität und Identitätsbildung in Nordnigeria beschäftigt. Dabei untersuchte er insbesondere das Verhältnis von religiöser, ethnischer, regionaler und nationaler Identität.
Identität beschreibt, wie Menschen sich selbst verstehen und wer sie für sich und andere sind. Sie entsteht aus unterschiedlichen Zugehörigkeiten und Erfahrungen. Sprache, Religion, Herkunft, Familie oder gesellschaftliche Rollen können ebenso dazugehören wie Nationalität.
Ich verstehe Identität als das Selbstverständnis eines Menschen. Also: Wer bin ich eigentlich? Was macht mich aus? Und wie sehen die anderen mich?
Identität wird dabei nicht allein durch das eigene Selbstbild geprägt. Auch die Wahrnehmung und Zuschreibungen anderer beeinflussen, wie Menschen sich selbst verstehen. Welche Zugehörigkeit besonders wichtig ist, kann sich deshalb im Laufe des Lebens und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten verändern.
In Nigeria treffen zahlreiche sprachliche, ethnische, religiöse und regionale Zugehörigkeiten aufeinander. Besonders eng sind Sprache und ethnische Identität miteinander verbunden. Auch Religion kann für das Selbstverständnis eine zentrale Rolle spielen.
Die religiöse Identität ist für die Nordnigerianer*innen am wichtigsten. Und dann kommt ganz nah die ethnische Identität.
In einer Untersuchung mit 500 Menschen in Nordnigeria verglich Dogara Manomi religiöse, ethnische, regionale und nationale Identität. 91 Prozent der Befragten bezeichneten ihre religiöse Identität als besonders wichtig; dicht darauf folgte die ethnische Zugehörigkeit. Die Ergebnisse beziehen sich auf Nordnigeria und lassen sich nicht ohne Weiteres auf die gesamte Bevölkerung des Landes übertragen.
Nigeria vereint zahlreiche ethnische Gruppen, Sprachen, Religionen und regionale Zugehörigkeiten innerhalb eines Staates. Diese unterschiedlichen Identitäten können nebeneinander bestehen und eine Gesellschaft bereichern. Schwieriger wird es, wenn keine gemeinsame Zugehörigkeit stark genug ist, um sie miteinander zu verbinden.
Religion ist wichtig, ethnische Identität ist wichtig. Aber wir leben in einem Land. Auch die nationale Identität sollte wichtig sein.
In Manomis Forschung in Nordnigeria nahm die nationale Identität gegenüber religiösen, ethnischen und regionalen Zugehörigkeiten einen deutlich geringeren Stellenwert ein. Eine nationale Dachidentität könnte Unterschiede nicht auflösen, aber einen gemeinsamen Bezugsrahmen schaffen, in dem Vielfalt nicht als Gegensatz zur Zugehörigkeit zu Nigeria verstanden wird.
Koloniale Herrschaft beeinflusste nicht nur politische und wirtschaftliche Strukturen, sondern auch Vorstellungen davon, welche Kulturen, Lebensweisen und Wissensformen als wertvoll gelten. Die Abwertung afrikanischer gegenüber europäischen Perspektiven kann deshalb auch lange nach dem Ende der Kolonialherrschaft in gesellschaftlichen Selbstbildern fortwirken.
Viele Leute denken jetzt, alles, was aus Europa kommt, ist besser als unseres. Das ist eines der Vermächtnisse der kolonialen Geschichte, denke ich.
Solche Hierarchien beeinflussen, wie Menschen die eigene Kultur wahrnehmen und bewerten. Die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe bedeutet deshalb auch, über übernommene Vorstellungen von kultureller Überlegenheit und Minderwertigkeit nachzudenken.
Christliche Mission hat in Nigeria unterschiedliche Spuren hinterlassen. Missionar*innen gründeten unter anderem Schulen und Krankenhäuser. Zugleich beeinflusste Mission, welche Sprachen schriftlich erschlossen, für Bibelübersetzungen verwendet und in Gottesdiensten verbreitet wurden. Die Konzentration auf größere regionale Sprachen stärkte deren Stellung gegenüber kleineren Sprachen.
Aber es ist nicht die Sprache des Herzens.
Für Angehörige kleinerer Sprachgemeinschaften hatte das auch religiöse Folgen: Wo Bibel, Gesangbuch und Gottesdienst nur in einer anderen Sprache zugänglich waren, wurde der christliche Glaube nicht in der eigenen Muttersprache vermittelt und erlebt. Damit konnte die eigene Sprache an Bedeutung verlieren, obwohl sie eng mit persönlicher und kultureller Identität verbunden ist.
Eine gemeinsame nationale Identität muss religiöse, ethnische oder kulturelle Unterschiede nicht verdrängen. Entscheidend ist, ob Menschen ihre verschiedenen Zugehörigkeiten innerhalb eines größeren gemeinsamen Rahmens leben können.
Unsere religiösen Unterschiede sollen als Vielfalt gesehen werden.
Dazu gehören auch konkrete Erfahrungen von Zusammenarbeit. Wenn Christ*innen und Muslim*innen gemeinsam gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, können religiöse Unterschiede bestehen bleiben, ohne zwangsläufig zu Trennlinien zu werden. Nationale Zugehörigkeit bedeutet dann nicht Einheitlichkeit, sondern die Anerkennung von Vielfalt innerhalb eines gemeinsamen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhangs.
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Dogara Manomi im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Dr. Dogara Ishara Manomi
Länge: 34 Minuten
Veröffentlichung: 20.11.2025
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit
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