Macht, Migration, Miteinander: Wie kann interkulturelle Kirche gelingen?
Warum interkulturelle Öffnung mehr ist als ein gutes Konzept – mehr im EMW-Podcast.
Mehr ...Geschlossene Checkpoints, verstärkte Militärpräsenz und verunsicherte Schüler*innen. Die deutsche Schule Talitha Kumi im Westjordanland muss sich seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Reaktionen Israels einem besonderen Schulalltag stellen. Aber auch schon vorher war Talitha Kumi eine besondere Schule, denn hier lernen christliche und muslimische Kinder gemeinsam. Bildungsarbeit ist hier immer auch Friedensarbeit. Aber wie ist man Schule im Ausnahmezustand? Wie kann man trotzdem Hoffnung und Perspektive vermitteln? Und was hat Mission mit all dem zu tun? Darüber spricht Laura Bishara, stellvertretende Schulleitung an der deutschen Evangelisch-Lutherischen Schule Talitha Kumi in Beit Jala im Westjordanland, mit Host Tanja Stünckel.
Wie funktioniert Schule, wenn Checkpoints geschlossen werden, Wege unsicher sind und politische Gewalt den Alltag von Kindern und Jugendlichen prägt? Die Evangelisch-Lutherische Schule Talitha Kumi in Beit Jala im Westjordanland versucht, unter schwierigen Bedingungen Bildung, Sicherheit und Zukunftsperspektiven zu ermöglichen. Christliche und muslimische Schüler*innen lernen hier gemeinsam.
Politische Konflikte wirken sich unmittelbar auf Bildung aus. Wenn Schulwege unsicher werden, Familien von Gewalt betroffen sind und Kinder mit verstörenden Bildern konfrontiert werden, muss Schule mehr leisten als Unterricht. Sie kann einen verlässlichen Alltag schaffen, zuhören und Räume eröffnen, in denen Kinder und Jugendliche lernen und sich entwickeln können.
Talitha Kumi zeigt zugleich, welche Bedeutung gemeinsames Lernen in einer religiös vielfältigen Gesellschaft haben kann. Wie lässt sich unter unsicheren Bedingungen ein möglichst normaler Schulalltag erhalten? Wie können Kinder mit ihren Erfahrungen umgehen? Und welche Perspektiven kann Bildung eröffnen, wenn Bewegungsfreiheit und Zukunftsplanung eingeschränkt sind?
Laura Bishara ist stellvertretende Schulleiterin und palästinensische Schulleiterin der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Schule Talitha Kumi in Beit Jala im Westjordanland. Sie war selbst Schülerin an Talitha Kumi, studierte anschließend Pädagogik und kehrte als Lehrerin an die Schule zurück.
Nach neun Jahren als Lehrerin wechselte sie in die Schulleitung. Als junge Frau in einer Leitungsposition sieht sie sich auch als mögliches Vorbild für andere Frauen. An Talitha Kumi setzt sie sich dafür ein, Kindern und Jugendlichen Bildung, persönliche Entwicklung und Zukunftsperspektiven zu ermöglichen.
Talitha Kumi ist eine evangelisch-lutherische deutsche Auslandsschule in Beit Jala im Westjordanland. Schüler*innen kommen unter anderem aus Bethlehem, Jerusalem und umliegenden Dörfern. An der Schule werden verschiedene Sprachen unterrichtet, neben Deutsch beispielsweise auch Englisch. Christliche und muslimische Kinder und Jugendliche lernen gemeinsam.
Die Schule versteht Bildung dabei nicht allein als Vermittlung von Unterrichtsstoff. Arbeitsgemeinschaften und andere Aktivitäten sollen Schüler*innen Möglichkeiten eröffnen, persönliche Fähigkeiten zu entwickeln und Erfahrungen außerhalb des regulären Unterrichts zu sammeln.
Für mich ist es wichtig, dass die Schüler*innen hierherkommen und wissen: Sie sind sicher. Sie haben die Möglichkeit, etwas Neues zu lernen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auch auf der Förderung von Mädchen, etwa durch eigene Projekte und ein Mädchenfußballteam. Talitha Kumi soll damit ein Ort sein, an dem junge Menschen lernen, sich entwickeln und neue Perspektiven kennenlernen können – auch unter schwierigen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen.
Checkpoints und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit können schon den täglichen Weg zur Schule erschweren. Das betrifft Talitha Kumi besonders, weil Schüler*innen und Lehrkräfte aus verschiedenen Orten kommen. Einige Schüler*innen reisen beispielsweise aus Jerusalem nach Beit Jala.
Checkpoints können zeitweise geschlossen sein, ohne dass zuverlässig absehbar ist, wann sie wieder passiert werden können. Für die Schule bedeutet das, alternative Wege zu finden und kurzfristig auf Veränderungen zu reagieren.
Manchmal sind sie zu und man weiß eben nicht genau, wann sie geöffnet oder geschlossen sind. Und das ist das Problem.
Schüler*innen müssen teilweise deutlich früher aufbrechen, um rechtzeitig zum Unterricht zu kommen. Seit dem 7. Oktober 2023 kamen weitere Belastungen hinzu. Zeitweise reisten deutsche Lehrkräfte aus, Unterricht musste teilweise online stattfinden und in angespannten Situationen wurden Kinder früher nach Hause geschickt. Unsichere Verkehrswege werden damit zu einer organisatorischen Herausforderung für den gesamten Schulbetrieb.
Kinder und Jugendliche bringen Krisenerfahrungen mit in die Schule. Sie sehen Nachrichten, Bilder und Videos, erleben Unsicherheit in ihren Familien oder haben Fragen zu Ereignissen, die sie nur schwer einordnen können. Schule kann solche Erfahrungen nicht auflösen, aber sie kann einen verlässlichen Rahmen für den Umgang damit schaffen.
An Talitha Kumi bekamen Schüler*innen zu Beginn des Unterrichts Zeit, von ihren Erfahrungen und Sorgen zu erzählen. Lehrkräfte hörten zu, Sozialarbeiter*innen unterstützten Gruppen und einzelne Kinder und nahmen bei Bedarf Kontakt zu Familien auf.
Wir vermitteln den Kindern: Wir hören zu. Wir sind da. Wir können euch helfen. Ihr müsst keine Sorge haben.
Auch Trommeln, Tanzen und Malen wurden genutzt, um Möglichkeiten zum Ausdruck zu schaffen. Daneben kann gerade ein möglichst gewöhnlicher Schulalltag Stabilität geben. Ein Stundenplan, Mathematik- oder Englischunterricht lösen die politische Krise nicht. Sie schaffen aber Struktur und einen Raum, in dem für einige Stunden Lernen, Gemeinschaft und Alltag im Mittelpunkt stehen können.
An Talitha Kumi lernen christliche und muslimische Kinder gemeinsam. Nach Angaben von Laura Bishara sind rund 70 Prozent der Schüler*innen muslimisch und 30 Prozent christlich. Die christliche Identität der Schule verbindet sich damit mit einem Schulalltag, in dem unterschiedliche religiöse Traditionen präsent sind.
Der Tag beginnt mit einer Morgenandacht. Dabei werden auch Themen aufgegriffen, die Christ*innen und Muslim*innen miteinander verbinden, etwa Liebe und die Akzeptanz anderer Menschen.
Sie lernen auch, dass es manchmal Unterschiede gibt. Aber wir sind hier in Palästina zusammen und wir leben zusammen.
Der Religionsunterricht findet getrennt nach Religionen statt. Zusätzlich gibt es Begegnungsstunden, in denen die Schüler*innen die jeweils andere Religion kennenlernen und sich mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden auseinandersetzen.
Gemeinsames Lernen bedeutet damit nicht, religiöse Unterschiede auszublenden. Kinder können vielmehr erleben, dass unterschiedliche religiöse Überzeugungen und ein gemeinsamer Alltag nebeneinander möglich sind.
Bildung vermittelt Wissen und ermöglicht Schulabschlüsse. Sie kann jungen Menschen aber auch Handlungsmöglichkeiten eröffnen, wenn ihr Alltag durch eingeschränkte Bewegungsfreiheit und politische Unsicherheit geprägt ist.
An Talitha Kumi lernen Schüler*innen mehrere Sprachen und erhalten durch schulische und außerschulische Angebote die Möglichkeit, neue Fähigkeiten und Interessen zu entwickeln. Bishara verbindet damit die Hoffnung, dass junge Menschen andere Kulturen und Menschen kennenlernen, weitere Bildungswege einschlagen und eigene Zukunftsvorstellungen entwickeln können.
Ich will etwas Gutes für die Schüler*innen bieten, die nicht so viele Möglichkeiten außerhalb der Schule haben.
Bildung kann dabei sowohl Wege in andere Länder als auch Perspektiven für ein Leben im Westjordanland eröffnen. Laura Bishara verbindet gute Bildung ausdrücklich mit der Hoffnung, dass junge Menschen ihre Fähigkeiten später für ihre Familien und die palästinensische Gesellschaft einsetzen.
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Laura Bishara im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Laura Bishara
Länge: 29 Minuten
Veröffentlichung: 28.04.2025
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit
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